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Ev.-Luth. Michaelis-Kirchengemeinde Kiel Hassee

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Exaudi

Ihr Lieben,

unsere Zeit ist verwirrend, unübersichtlich geworden. Gebannt verfolgen viele täglich die neusten Verlautbarungen des Robert-Koch-Instituts. Gehen die Zahlen hoch oder runter?  Wird es Erleichterungen geben, oder wird das Leben noch schwieriger und komplizierter?

Und manche haben Angst; denn bei Ihnen rückt die Gefahr näher: Sie kennen einen oder mehrere Menschen, die von dem Virus infiziert wurden, mache kennen Menschen, die akut erkrankt, ja sogar verstorben sind.

Wer kennt guten Rat? Nicht mal die Kirchen haben eine klare Antwort. Dies auszuhalten ist schwer.

Wie wird die Zukunft sein? Was leitet uns in diesen unsicheren Zeiten?

Ich denke in dieser Zeit viel an das, was Menschen mir aus der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählen (vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg): Die Städte waren zerstört, geflüchtete Menschen suchten Zuflucht auf dem Land, wo sie mal mehr, mal weniger freundlich aufgenommen wurden. Die Zukunft war dunkel…

Wie heute…

Der Mann, von dem ich heute erzähle, auch er lebte in finsteren Zeiten: Jeremia, der Prophet der hebräischen Bibel, sein Name bedeutet übersetzt „Gott erhöht“. Dieser Prophet lebte vor 2500 Jahren im heutigen Israel. Die Könige waren von dem alten überlieferten Glauben an den Gott Jahwe abgefallen. Jahwe war der Gott, der Israel aus der Sklaverei Ägyptens herausgeführt und seinem Volk die Gebote gegeben hat. Doch in Israel herrschte Pragmatismus. Die Erinnerung an den befreienden Gott Jahwe war verblasst.

Diesen Pragmatikern, sagte der Prophet im Namen Gottes voraus, dass ihre Herrschaft ein Ende haben wird. Der „Feind aus dem Norden“ würde kommen, das Land in Besitz nehmen, und die, die vom Glauben an den Gott der Väter abgefallen waren, eine Zukunft in Sklaverei und Knechtschaft verschaffen.

Im Jeremiabuch finden wir - seltsam nebeneinandergestellt - derartige Gerichtsankündigungen, zugleich aber auch Worte, die eine Zukunft beschreiben, in der Gott mit seinem Volk wieder versöhnt ist.

 

So auch der Predigttext für diesen Sonntag, diesem Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, in dieser Zwischen-Zeit: Christi Himmelfahrt ist gewesen, Jesus ist endgültig weg, er hat seinen Freundinnen und Freunden den Tröster, den Heiligen Geist versprochen, aber sein Kommen steht noch aus.

Dies verbindet uns heute mit den Zuhörerinnen und Zuhörern des Propheten Jeremia. Auch er spricht von einer Zukunft, die noch nicht da ist und er spricht hinein in eine Gegenwart, die unsicher, verwirrend, unklar ist. Lesen wir die Worte aus dem Jeremiabuch:

 

 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. (Jer. 31,31-33)

Was leitet uns in unsicheren Zeiten?

Was ist unsere Richtschnur, nach der wir unser Denken, unser Reden, unser Tun ausrichten in Zeiten, die so verwirrend sind wie diese? Was leitet uns in dieser Zwischen-Zeit, in der uns der Tröster, oder auch der neue Bund Gottes mit seinem Volk zwar versprochen ist, aber dennoch aussteht?

Wir wissen doch, was Gott von uns erwartet. Wir wissen, wofür Jesus Christus einstand, ja, wofür er starb. Dieses Wissen verbindet uns mit den Menschen früherer Zeiten, mit denen, die die ersten christlichen Gemeinden gründeten in einer Zeit der römischen Verfolgung, aber auch mit den Menschen, die mit Jeremia in Israel lebten. Vor allem verbindet uns mit den Menschen aus Jeremias Zeiten die Sehnsucht, die Sehnsucht, es möge besser werden mit uns und dieser Welt. Obwohl wir Menschen heute so viel wissen, wir sehnen uns nach Orientierung in dieser so verworrenen Welt. Es ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die sich durchsetzt gegen alle Eigenliebe der sogenannten Herren der Welt, die Sehnsucht nach Frieden, der kommen möge über uns und die ganze Welt.

Gott, der Herr der Geschichte, der Herr meines Lebens. Früher war es vielleicht einfacher, daran zu glauben, dass Gott mein Leben regiert, meine Schritte lenkt. Aber mit der Aufklärung trat das Schicksal, der Zufall in unser Leben. Nicht wenige glauben seither, dass das Leben eine Abfolge von Zufällen ist, bestimmt durch Ereignisse, die mehr oder weniger vorhersehbar geschehen und durch unsere eigenen Entscheidungen diesen Ereignissen gegenüber.  

In einer Gesprächsgruppe in der Begegnungsstätte haben wir uns einmal gefragt, wie man leben könnte in der Vorstellung, alles sei eine Abfolge von Zufällen, oder alles sei blindes Geschick. Deutlich wurde in diesem Gespräch, dass – ob man nun von einer höheren Macht spricht, oder ob man diese Gott nennt – dieses Gegenüber wichtig ist. Ob ich nun immer wieder Gott danken kann für das Gute, das ich in meinem Leben erfahre, Großes oder auch alltäglich Kleines, ob ich um Bewahrung und Behütetsein bitten oder auch im Leiden klagen kann: Ich brauche ein Gegenüber. Ohne dies Gegenüber wäre ich ausgeliefert, einem blinden Schicksal oder dem Zufall, den ich nicht beeinflussen kann.

Da erzählte eine Frau davon, wie sich ihr Leben nach einem Schicksalsschlag von Grund auf veränderte. Wodurch? Dadurch, dass sie begann, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und sie erzählte, wie sie sich dadurch immer stärker fühlte. „Ich wusste, was ich tue ist richtig, ich spürte, so ist es gut!“ In all den Schwierigkeiten, in all dem Neuen, für das sie so viel Kraft brauchte, fühlte sie sich begleitet und behütet.

Ich glaube, das ist das Entscheidende: Aus dem Versprechen, aus der Verheißung Gottes zu leben, dass er uns behüten und bewahren will, dass er uns begleitet auch dann, wenn unser Weg durch finstere Täler führt,  - aus dieser Verheißung heraus zu leben kann befreien zum Handeln, befreien zum Tun, kann befreien zum Engagement. Und das kommt dann nicht nur uns selbst zugute: Mein Vertrauen auf Gott kann mein Selbstvertrauen stärken, aber wenn es zum Engagement für andere führt, dann kommt es auch anderen Menschen zu Gute.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht irren können. Aus der Verheißung Gottes zu leben bedeutet nicht, dass wir immer das Richtige tun, ganz sicher nicht. Wir können irren. Aber in allem Versuchen und in allem Irrtum leben wir aus dem Versprechen Gottes, dass er uns entgegenkommt, dass er uns begleiten, behüten und bewahren will.

Das ist kein Rückzug ins Private ist die Folge, im Gegenteil: Dadurch, dass wir uns dieses Versprechens immer wieder erinnern und uns dessen vergewissern wird der Grund gelegt für unser Handeln und unser Engagement, jeder und jede an seinem und ihrem Platz.

Wir können uns immer wieder neu auf die Suche machen. Denn Gott meint es gut mit uns, gestern, heute und an jedem neuen Tag.

 

AMEN

 

Pastor M. Schlenzka